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Europa im Umbruch
Das Ende des 20. Jahrhunderts

Der letzte grosse Umbruch im Europa des 20. Jahrhunderts war der Niedergang des Kommunismus.
In den 50er und 60er Jahren wurden die Aufstände in der DDR und Tschechoslowakei noch blutig niedergeschlagen. Doch 1980 begann sich der Kommunismus aufzulösen.

Den Untergang des von Lenin gegründeten und von Stalin inszenierten Kommunismus prägten vor allem zwei Worte - Solidarnosc und Perestroika.

Als 1980 in der Leninwerft von Danzig der Streik ausgerufen wurde, zog diese Aktion eine unvorhersehbare Kettenreaktion an Ereignissen nach sich. In Polen war der Streik verboten, dennoch gingen die Arbeiter auf die Barrikaden.

signiertes Foto von Lech WalesaEiner der Mitstreiker war Lech Walesa, der bereits vor dem Streik seine Arbeitsstelle verlor, weil er wegen Unruhestiftung auffiel. Doch beim Streik war er zur Stelle.
Lech Walesa wollte zu den Streikenden, die sich in der Werft verschanzt hatten, vordringen, doch die Betriebswache liess ihn nicht passieren. Walesa kletterte über die Mauer und setzte sich schliesslich an die Spitze der Streikbewegung.

Das Begehren der Streikenden war "lediglich" mehr Lohn. Die wirtschaftliche Situation in Polen war zu der Zeit chaotisch, die Regale in den Läden waren leer, riesige Warteschlangen bildeten sich vor den Geschäften, es herrschte Not.

Der Streik war erfolgreich, die Arbeiter der Leninwerft erhielten mehr Lohn. Bei der Kundgebung des Erfolgs wurde Beifall geklatscht, doch plötzlich riefen aussenstehende Arbeiter in anderen Betrieben in den Saal:

"Und was ist mit uns? Wo bleibt die Solidarität?"

Dies war das erste Mal, dass das Wort Solidarnosc fiel. Die erste unabhängige Gewerkschaft in einem kommunistischen Land wurde ins Leben gerufen, über 80'000 Arbeiter aus Danzig und Umgebung schlossen sich ihr an.
Sie setzten 21 Punkte auf. Doch nun ging es nicht mehr nur um mehr Lohn, sondern um Politik. Die Forderungen umfassten unter anderem: Zulassung freier Gewerkschaften, Meinung- und Pressefreiheit.
Der Staat war herausgefordert.

Einen grossen Einfluss auf den Beginn der Bewegung hatte auch Papst Johannes Paul II (vormals Kardinal Woytjla), der 1979 nach Polen reiste und mit seiner politischen Rede nach Freiheit und Achtung der Menschenrechte zur Symbolfigur und Hoffnungsträger der Bevölkerung wurde. Seine Worte lösten das neue Selbstbewusstsein der Polen aus und gelten als Nährboden für den Ausbruch des Streiks ein Jahr später. Die Bewegungen wurden immer wieder mit Bildern des Kirchenhauptes begleitet.

Doch in der Bevölkerung herrschte auch Angst. Angst vor dem Einmarsch der Sowjetunion.
Lech Walesa führte die Arbeiter durch diese schwere Zeit. Am 10. Streiktag geschah das Unwahrscheinliche. Die polnische Regierung gab nach und Walesa setzte alle 21 Punkte durch. Dies war der Anfang vom Ende eines totalitären Systems.

Während den nächsten 16 Monaten war Frieden im Land, doch dann begehrte der Staat nochmals auf. Das Kriegsrecht wurde ausgerufen, es gab erste Tote. 5'000 Mitglieder der Solidarnosc, darunter auch Walesa, wurden verhaftet. Walesa lebte fortan im inneren Exil.

Doch 1990 triumphierte Lech Walesa wieder und erntete die Früchte seiner Anstrengungen. Er wurde zum Präsidenten Polens gewählt und krönte damit seine Laufbahn, die bereits 1983 einen ersten Höhepunkt erlebte mit der Verleihung des Friedensnobelpreises.
 
 


signiertes Foto von Kardinal Karel WoytjlaWie bereits vorgängig erwähnt, spielte auch der frühere Kardinal Karel Woytjla und spätere Papst Johannes Paul II eine wichtige Rolle im Kampf um die Freiheit in Polen. Vielleicht weniger als aktiver Mitstreiter, aber unbestreitbar als Symbol, die er Kraft seines Amtes darstellte und dies aktiv einsetzte.

Als Karel Woytjla 1978 zum Papst gewählt wurde, gab es bereits Vorahnungen der Kommunisten, dass sich dieser Papst aktiv in die Politik einmischen könnte. Ein Bericht aus dem Politbüro sagte unter anderem aus:

"Der Papst wird zur ideologischen Offensive gegen die Sowjetunion antreten".

Bei seinem Besuch 1979 in Polen bestätigte der Papst diese Befürchtungen. Seine Rede wurde der Zünder zum Aufstand.

1981 war das Jahr der Attentate. Ein Verrückter schoss auf den US-Präsidenten Ronald Reagan und in Rom wurde Papst Johannes Paul II von Ali Agca niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Schon bald begannen die Spekulationen über den Hintergrund des Attentats. Tatsache ist, dass Ali Agca die Schüsse abgab und die türkische Terrororganisation "Graue Wölfe" dahinter stand. Doch es kamen weitere Gerüchte auf. Auf einem Videoband, das drei Tage vor dem Attentat während einer Messe des Papstes aufgenommen wurde, konnte man Ali Agca identifizieren. Für diese Messe benötigte man eine obligatorische Platzkarte. Zuständig für die Zuteilung war der Vatikanangestellte Orlandi. Zwei Jahre später wurde seine 15-jährige Tochter entführt und die Entführer verlangten den Austausch gegen Ali Agca. Der Tausch kam nicht zustande, die Tochter Orlandis blieb verschwunden. Orlandi selber verweigerte jegliche Aussage.

Dies ist nur eine von vielen Spuren des Papstattentates, doch aufgeklärt werden konnte es nie.
 
 


signiertes Foto von Michail GorbatschovDie wichtigste Rolle im Umbruch Europas kam Michail Gorbatschov zuteil.

Gorbatschov wurde am 3. April 1931 in Priwolnoje geboren. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als einfacher Arbeiter, ehe er sich zu einem Agrarstudium entschloss. 1952 trat er der KPdSU bei und machte eine steile politische Karriere. Von 1966 - 1968 war er Parteisekretär der Stadt Stawropol, anschliessend wurde er Mitglied des Obersten Sowjet und 1971 Mitglied des Zentral-Komitees. Mit seinem Antritt des Amtes für Landwirtschaft als Zentral-Komitee-Sekretär 1980 wurde er auch als Vollmitglied des Politbüros anerkannt.
Mit dem Tod von Tschernenko 1985 wurde Gorbatschov auf Vorschlag von Gromyko zum neuen Generalsekretär der KPdSU gewählt, er engagierte sich für Reformen und versuchte, das System zu demokratisieren. Sein Motto war Glasnost und Perestroika, übersetzt mit Offenheit und Freiheit.

In der Aussenpolitik setzte er ebenfalls wichtige Akzente. Mit Präsident Ronald Reagan propagierte er die "doppelte Null-Lösung" und erhielt schliesslich dessen Zustimmung für die Abschaffung aller nuklearer Mittelstreckenraketen. Dieses Mal waren es nicht die "bösen" Russen, die sich einer totalen Abrüstung widersetzten, sondern die "lauteren" Amerikaner, allen voran Reagan, der auf keinen Fall auf das Star-Programm verzichten wollte.

Die Macht von Michail Gorbatschov wuchs und er wurde zum neuen Vorsitzenden des Obersten Sowjet gewählt. Ein Jahr später wurde er in geheimer Abstimmung zum Staatspräsidenten ernannt. Gorbatschov stand auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Noch im gleichen Jahr erhielt er für sein Engagement für das Ende des Kalten Krieges den Friedensnobelpreis.

Während der Bewegung in Europa liess Gorbatschov ganz gegen die frühere politische Haltung des Kremls der Geschichte ihren Lauf. Er griff nicht ein mit blutigen Interventionen in den kommunistischen Ländern, als diese sich erhoben. Und als in Berlin die berüchtigte Mauer fiel, gab Gorbatschov sein Einverständnis zur deutschen Wiedervereinigung - ein "Wunder" des 20. Jahrhunderts.
Dieser politische Umsturz hätte äussert blutig enden können, doch stattdessen ging die Vereinigung ohne einen Schusswechsel über die Bühne.

1991 ging es schliesslich an die Existenz der Sowjetunion selbst. Das Volk ging in Russlaud auf die Strasse und setzte sich für den Politiker Boris Jelzin ein. Auch Europa erhoffte sich von Jelzin eine weitere Öffnung und Demokratisierung der Sowjetunion. Erst später entpuppte sich Jelzin als korrupte und trinkende Witzfigur.

Um Jelzin an die Macht zu bringen, musste Gorbatschov gestürzt werden. Während Gorbatschovs Urlaub wurde gegen ihn geputscht. In seinem Ferienheim wurde er von der Umwelt isoliert, die Telefonleitungen gekappt.

Der Reformpräsident Gorbatschov hatte bereits ein Jahr zuvor die Köpfe der Perestroika verloren, die Einheit der KPdSU war zerbrochen. Jelzin trat aus der Partei aus. Die Partei wendete sich auch gegen Gorbatschov und fiel in Litauen ein, als diese sich von der Sowjetunion lösen wollte. Doch der Untergang war nicht mehr aufzuhalten.
Die Putschisten fuhren zu Gorbatschov und stellten ihn vor die Wahl, entweder den Ausnahmezustand auszurufen oder seine Absetzung in Kauf zu nehmen. Gorbatschov lehnte ab. Der Staatsstreich wurde ausgeführt. Doch die Perestroika war nicht mehr länger nur von Gorbatschov abhängig, sie war ein Teil der Bevölkerung geworden. Die KPdSU gab dem Widerstand nach, Gorbatschov kehrte aus seiner Isolation zurück. Ein neuerlicher Versuch, sich als Präsidentschaftskandidat zur Verfügung zu stellen, scheiterte jedoch.