ILSE
AICHINGER
1921
Schriftstellerin |
Ilse Aichinger und ihre Zwillingsschwester
Helga Michie wurden als Töchter eines Lehrers und einer jüdischen
Ärztin in Wien geboren. Die Familie lebte in Linz, bis der Vater die
Scheidung einreichte, um seine berufliche Karriere nicht durch die Ehe
mit einer Jüdin zu gefährden. Die Mutter zog mit den Kindern
zurück nach Wien, wo Ilse Aichinger meist bei ihrer jüdischen
Großmutter bzw. in Klosterschulen lebte.
Der Anschluss Österreichs bedeutete für die Familie Verfolgung
und Lebensgefahr. Helga konnte im Juli 1939 nach Großbritannien fliehen,
der Rest der Familie aber nicht mehr nachkommen, da der Krieg ausbrach.
Ilse Aichinger blieb bei ihrer Mutter, um sie als Betreuerin einer noch
unmündigen Halbarierin vor der Deportation zu bewahren. Die Mutter
verlor ihre Stellung, wurde aber tatsächlich bis 1942 nicht behelligt.
Ilse Aichinger lebte völlig isoliert von der Öffentlichkeit,
ein Studienplatz wurde ihr verweigert. Sie und ihre Mutter wurden in den
Kriegsjahren dienstverpflichtet; Ilse Aichinger ging die Gefahr ein, selbst
deportiert und getötet zu werden, weil sie ihre Mutter nach Erreichen
der eigenen Volljährigkeit versteckte – in einem der Tochter zugewiesenen
Zimmer direkt gegenüber dem Gestapo-Hauptquartier im ehemaligen Hotel
Metropol am Morzinplatz. Die Großmutter und die jüngeren Geschwister
der Mutter wurden 1942 verschleppt und kamen im Vernichtungslager Maly
Trostinez in der Nähe von Minsk um.
1945 begann Ilse Aichinger Medizin zu studieren, brach aber nach fünf
Semestern ab, um ihren teils autobiografischen Roman Die größere
Hoffnung zu schreiben. Der Kritiker Hans Weigel empfahl ihr, sich und ihre
Texte beim S. Fischer Verlag vorzustellen, der schließlich ihre Werke
veröffentlichte. 1949/50 arbeitete Ilse Aichinger als Verlagslektorin
für S. Fischer, 1950/51 als Assistentin von Inge Aicher-Scholl an
der Hochschule für Gestaltung in Ulm.
1951 wurde sie erstmals zur Gruppe 47 eingeladen, wo sie ihren späteren
Mann Günter Eich kennenlernte. 1952 gewann sie mit ihrer Spiegelgeschichte
den Preis der Gruppe. Im selben Jahr erschien die vielbeachtete Rede unter
dem Galgen. 1953 heiratete sie Günter Eich. Das Ehepaar lebte mit
den Kindern Clemens, der ebenfalls Schriftsteller wurde, und Mirjam zuerst
in Lenggries, dann in Breitbrunn am Chiemsee und seit 1963 in Großgmain
im Bundesland Salzburg. Im Jahr der Heirat mit Eich wurde Ilse Aichingers
erstes Hörspiel Knöpfe erstausgestrahlt.
1972 starb Günter Eich. Neun Jahre später, nach dem Tod der
Mutter, zog Ilse Aichinger nach Frankfurt am Main und 1988 nach Wien, wo
sie nach einer längeren Schaffenspause Ende der 1990er Jahre wieder
zu schreiben begann. Sie gewann regelmäßig renommierte Literaturpreise,
obwohl ihre Veröffentlichungen immer weniger und kürzer wurden.
1996 unterzeichnete sie die Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform
und untersagte 1997, ihre Texte in Schulbüchern den neuen Regeln anzupassen.
Nach dem Unfalltod ihres Sohnes Clemens im Februar 1998 zog sich die
Autorin aus der literarischen Öffentlichkeit fast völlig zurück.
Zwei Jahre später erschienen nach 14jähriger Schreibpause die
teils autobiografischen Essays Film und Verhängnis. Es folgten noch
zwei schmale Bände, die Texte für die Tageszeitung Die Presse
versammelten. Ilse Aichinger lebt in Wien, wo sie immer noch fast täglich
ihr Stammcafé aufsucht (Café Demel am Michaelerplatz) und
häufig ins Kino geht, ihre große Leidenschaft.
Von Anfang an rief Aichinger in ihren Werken zur Kritik an politischen
und gesellschaftlichen Zuständen auf und sprach sich gegen falsche
Harmonie und Geschichtsvergessenheit aus. Bereits 1945 schrieb sie einen
Text über die Welt der Konzentrationslager (Das vierte Tor), der erste
in der österreichischen Literatur. Ein Jahr später schrieb sie
in dem Essay Aufruf zum Misstrauen: „Wir müssen uns selbst misstrauen.
Der Klarheit unserer Absichten, der Tiefe unserer Gedanken, der Güte
unserer Taten! Unserer eigenen Wahrhaftigkeit müssen wir misstrauen!“
Mit diesem Aufruf gegen die Verdrängung der Geschichte und für
eine schonungslose Eigenanalyse wandte sich Ilse Aichinger gegen die deutsche
Kahlschlagliteratur, deren Anhänger nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
einen radikalen Neubeginn propagierten.
1948 schrieb sie ihren einzigen Roman Die größere Hoffnung,
in dem sie autobiografisch das Schicksal einer jungen Halbjüdin im
Nationalsozialismus schildert. Der Roman bietet keine konkret-realistische
Darstellung von Demütigungen, Angst und verzweifelter Hoffnung, sondern
eine allegorische Schilderung in zehn chronologisch angeordneten Bildern
aus der subjektiven Perspektive eines fünfzehnjährigen Mädchens.
Es wird nicht chronologisch nachvollziehbar erzählt, der Text ist
eher ein Geflecht aus Traum, Märchen, Mythos und Historie. Monologe
wechseln ab mit Dialogen, auktoriales Erzählen mit personalem. Durch
die symbolische Überhöhung wird das Grauen keineswegs verharmlost,
sondern nur auf eine andere Ebene gehoben und mit zeitlosen Themen verknüpft.
In ihren frühen Erzählungen, die den Einfluss Franz Kafkas
zeigen, beschreibt Aichinger das existentielle Gefesseltsein des Menschen
durch Ängste, Zwänge, Träume, Wahnvorstellungen und Fieberphantasien.
Das Thema der schwierigen Beziehung zwischen Traum und Realtität und
zwischen Freiheit und Zwang kehrt immer wieder, etwa im Prosaband Wo ich
wohne (1963). In der gleichnamigen Titelerzählung geht es aber auch
um das Thema der Entfremdung und um die Frage von Autonomie und Verantwortung.
Von Anfang an zeigte Aichingers Werk eine ausgeprägte Tendenz zur
Verknappung, feststellbar zum Beispiel an der Bearbeitung ihres ersten
und einzigen Romans Die größere Hoffnung (1948 und 1960). Der
Sammelband Schlechte Wörter (1976) zeigte dazu eine Themenveränderung
bei Ilse Aichinger: Dominierte einst die Wahrheitssuche, gelangt sie jetzt
zur subversiven Sprachkritik. Sprache erschien der Autorin immer mehr als
unbrauchbares Ausdrucksmittel. Zu dieser Auffassung passte das zunehmend
seltener werdende Schreiben, zudem wurden die Texte immer kürzer,
bis hin zum Aphorismus.
Ilse Aichinger selber erklärte das als Reaktion auf die fehlenden
Zusammenhänge in der Welt der Gegenwart: Man kann nicht einfach drauflosschreiben
und künstlich Zusammenhänge herstellen. Ihre Poetik des Schweigens
ist ihre Konsequenz aus der Ablehnung jeder Form von Konformismus: Gegen
die sehr häufige Meinung des 'So ist es eben', die, was sie vorfindet,
fraglos akzeptiert. Die Welt verlangt danach, gekontert zu werden.
Original-signiertes Foto im Postkartenformat
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