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LUISE
RINSER
1911
- 2002
Schriftstellerin / Writer
Als sie den Reformpädagogen Franz Seitz kennen
lernte, beeinflusste er sie nicht nur in pädagogischen Fragen, sondern
auch auf ihrem Weg in die Schriftstellerei. Davon zeugt ein umfangreicher,
bisher unveröffentlichter Briefwechsel. In dieser Zeit veröffentlichte
sie ihre ersten kleinen Erzählungen in der Zeitschrift Herdfeuer.
Sie verweigerte den Eintritt in die NSDAP, gehörte aber seit 1936
der NS-Frauenschaft und bis 1939 dem NS-Lehrerbund an. 1939 kam sie der
Entlassung aus dem Schuldienst durch eigene Kündigung und Heirat zuvor.
1944 wurde sie wegen "Wehrkraftzersetzung" denunziert und verhaftet, die
Verhandlung vor dem Volksgerichtshof, die sicher mit dem Todesurteil geendet
hätte, wurde durch das Kriegsende verhindert. Ihre Erlebnisse im Frauengefängnis
Traunstein schildert sie in ihrem Gefängnistagebuch von 1946.
1954 heiratete sie den Komponisten Carl Orff.
Diese Ehe wurde 1960 geschieden. Enge Freundschaften verbanden sie mit
dem koreanischen Komponisten Isang Yun, mit dem Abt eines Klosters sowie
mit dem Theologen Karl Rahner. Rinser lebte seit 1959 in Rom und seit 1965
in Rocca di Papa bei Rom, wo sie 1986 auch zur Ehrenbürgerin ernannt
wurde; daneben behielt sie bis zu ihrem Lebensende ihre Wohnung in München,
wo sie sich oft aufhielt.
Rinser mischte sich aktiv in die politische und
gesellschaftliche Diskussion in Deutschland ein, unterstützte Willy
Brandt 1971/72 in seinem Wahlkampf, demonstrierte mit den Schriftstellern
Heinrich Böll und Günter Grass und vielen anderen gegen die Nachrüstung
der Bundesrepublik Deutschland mit Pershing-Raketen und wurde zu einer
scharfen Kritikerin der katholischen Kirche, die sie jedoch nicht verließ.
Am Zweiten Vatikanischen Konzil nahm sie als akkreditierte Journalistin
teil. Sie kritisierte in einem offenen Brief das Urteil wegen der Kaufhaus-Brandstiftungen
am 2. April 1968 gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und andere und schrieb
an den Vater Ensslins: "Gudrun hat in mir eine Freundin fürs Leben
gefunden"[6]. In den Jahren ab 1972 bereiste sie die Sowjetunion, die USA,
Spanien, Indien, Indonesien, Südkorea, mehrere Male Nordkorea, den
Iran – dessen Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini sie als
"leuchtendes Vorbild für die Länder der Dritten Welt" pries –,
Japan, Kolumbien und viele andere Länder. Sie engagierte sich für
die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen § 218 in der damaligen
Form. Sie war eine führende Stimme des so genannten Linkskatholizismus
in der Bundesrepublik Deutschland. 1984 wurde sie von den Grünen als
Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen, unterlag
aber Richard von Weizsäcker klar (s. Wahl des deutschen Bundespräsidenten
1984).
1941 erschien ihre erste Erzählung Die gläsernen
Ringe, die die begeisterte Zustimmung Hermann Hesses fand. Danach konnten
wegen des Krieges keine weiteren Bücher erscheinen. Nach dem Krieg
arbeitete sie 1945 bis 1953 als freie Mitarbeiterin bei der Neuen Zeitung,
für die sie vor allem Bücher rezensierte und Artikel zu kulturellen
Fragen schrieb. 1946 erschien ihr Gefängnistagebuch, dann eine Arbeit
über Johann Heinrich Pestalozzi Pestalozzi und wir (1947), danach
in rascher Folge die Romane Erste Liebe (1948) – nicht zu verwechseln mit
der gleichnamigen Erzählung! –, die Erzählung Jan Lobel aus Warschau
(1948), die noch heute als ein Meisterwerk angesehen wird, das Kinderbuch
Martins Reise (1949) und der Roman Mitte des Lebens, der sofort große
Anerkennung fand und in mehrere Sprachen übersetzt wurde.
In den folgenden Jahren veröffentlicht sie
den Roman Daniela (1953) und den Bericht über die stigmatisierte Therese
von Konnersreuth Die Wahrheit über Konnersreuth. 1955 folgt eine Art
Kriminalroman, Der Sündenbock, 1956 ein Band mit Erzählungen
Ein Bündel weißer Narzissen (darin enthalten: Die Lilie; Anna;
Elisabeth; Daniela; Die rote Katze; Die kleine Frau Marbel; Ein alter Mann
stirbt; Eine dunkle Geschichte; Jan Lobel aus Warschau; David und Ein Bündel
weißer Narzissen) und 1957 der zweite Nina-Roman Abenteuer der Tugend.
Daneben schreibt sie unzählige Rezensionen, Feuilletons, Essays.
Ein Stipendium für einen Aufenthalt in der
Villa Massimo in Rom verschafft ihr eine intensive Begegnung mit Italien
und inspiriert sie zu der Erzählung Geh fort wenn du kannst (1959).
1960 wird Der Schwerpunkt veröffentlicht, der Essays über fünf
Schriftstellerkollegen und -kolleginnen enthält. 1962 erscheinen der
Roman Die vollkommene Freude, das Fotobuch Ich weiß deinen Namen
und der Aufsatz Vom Sinn der Traurigkeit (Felix tristitia). Die Erzählung
Septembertag (1964) spiegelt einen (fiktiven) Tag ihres Lebens in Rom wider,
wo sie sich 1959 niedergelassen hat. Drei Jahre schreibt sie regelmäßige
Kolumnen für die Frauen-Zeitschrift Für Sie, die später
in drei Bänden als Buch veröffentlicht werden: 1966 Gespräche
über Lebensfragen, 1967 Gespräch von Mensch zu Mensch und 1968
Fragen, Antworten. Aus ihrem Engagement für den Menschen heraus schreibt
sie mehrere Arbeiten, die religiösen Fragen gewidmet sind: 1964 Über
die Hoffnung, 1966 Hat Beten einen Sinn?. Die Erfahrung des Zweiten Vatikanischen
Konzils inspiriert sie zur Auseinandersetzung mit kirchlichen Fragen: 1967
Laie nicht ferngesteuert und Zölibat und Frau, 1968 Von der Unmöglichkeit
und der Möglichkeit heute Priester zu sein, doch ihr Hauptwerk in
dieser Zeit ist der Roman Ich bin Tobias (1966). Daneben erscheinen zwei
Fotobände mit Rinsers Interpretationen: Jugend unserer Zeit (1967)
und Nach seinem Bild (mit Fotos von Oswald Kettenberger (1969).
1970 bringt Rinser ihr erstes Tagebuch heraus:
Baustelle. Eine Art Tagebuch. 1967–1970, dem 1972 das zweite folgt: Grenzübergänge.
Tagebuchnotizen. 1973 erscheint Hochzeit der Widersprüche, und 1974
der Bericht Dem Tode geweiht? Lepra ist heilbar! über eine Reise zu
der Lepra-Station des DAHW auf der indonesischen Insel Lewoleba. Die "Energiekrise"
1973 inspiriert sie zu der Abhandlung Wie wenn wir ärmer würden
oder Die Heimkehr des verlorenen Sohnes (1974).
1975 erscheinen ein weiterer Roman Der schwarze
Esel, der fiktive Bericht Bruder Feuer über einen modernen Franz von
Assisi, sowie der Aufsatz Leiden, Sterben, Auferstehen. Ihre Freundschaft
mit dem koreanischen Komponisten Isang Yun und eine Reise nach Südkorea
finden ihren Niederschlag in dem Bericht Wenn die Wale kämpfen – Portrait
eines Landes: Süd-Korea (1976). Im Jahr darauf erscheint Der verwundete
Drache. Dialog über Leben und Werk des Komponisten Isang Yun (1977).
1978 erscheint das dritte Tagebuch Kriegsspielzeug.
Tagebuch 1972–1978. In den Tagen der islamischen Revolution bereist sie
den Iran; ihre Erfahrungen und Erkenntnisse schreibt sie nieder zu dem
Bericht Khomeini und der islamische Gottesstaat. Eine große Idee
– Ein großer Irrtum? (1979). Wegen ihres Engagements für die
Wiedervereinigung der beiden Korea wird sie vom Präsidenten Nordkoreas,
Kim Il Sung, in dessen Land eingeladen, das sie 1980 zum ersten Mal besucht.
Sie schreibt darüber ein Nordkoreanisches Reisetagebuch (1981), das
vielfach auf Kritik und Unverständnis stieß, da sie das kommunistische
Regime fast völlig unkritisch gesehen habe.
1981 veröffentlicht sie den ersten Teil ihrer
Autobiographie Den Wolf umarmen, der bis zum Jahre 1950 reicht. 1982 erscheint
ein weiterer Tagebuchband Winterfrühling. Tagebuchaufzeichnungen 1979–1982.
1983 erscheint der viel beachtete und gelesene Roman Mirjam, 1984 das Kinderbuch
Das Squirrel, 1985 das Tagebuch Im Dunkeln singen. Tagebuchaufzeichnungen
1982–1985. Die Bekanntschaft mit Romani Rose veranlasst sie, sich mit dem
Problem der Sinti und Roma auseinanderzusetzen und das Buch Wer wirft den
Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage zu veröffentlichen
(1985).
1986 erscheint ein Band mit Erzählungen Geschichten
aus der Löwengrube – enthaltend: Hinkela; Munjo, der Dichter; Bitte,
keine mildernden Umstände; Wie in einem Spiegel; Jakobs Kampf; Vergib
uns, wie auch wir vergeben; Äskulap und Angewandte Physik –, 1987
der Roman Silberschuld, 1988 ein weiteres Tagebuch Wachsender Mond. Tagebuchaufzeichnungen
1985 – 1988, sowie das Weihnachtsspiel Drei Kinder und ein Stern, 1990
der Sammelband An den Frieden glauben. Über Literatur, Politik und
Religion 1944–1967, 1991 der Roman Abaelards Liebe, 1992 das Tagebuch Wir
Heimatlosen. Tagebuchaufzeichnungen 1989–1992.
1994 vollendet Rinser den zweiten Teil ihrer Autobiographie
Saturn auf der Sonne; außerdem werden ihre Briefe an den Theologen
Karl Rahner veröffentlicht unter dem Titel Gratwanderung. Briefe der
Freundschaft an Karl Rahner. Im Herbst 1994 reist sie nach Dharamsala,
wo sie mehrere Gespräche mit dem Dalai Lama führt, die unter
dem Titel Mitgefühl als Weg zum Frieden. Meine Gespräche mit
dem Dalai Lama 1995 veröffentlicht werden. 1997 erscheint das letzte
Tagebuch Kunst des Schattenspiels. Tagebuchaufzeichnungen 1994–1997.
Im selben Jahr beginnt sie eine Zusammenarbeit
mit Hans Christian Meiser; sie veröffentlichen gemeinsam zunächst
den Briefwechsel Reinheit und Ekstase. Auf der Suche nach der vollkommenen
Liebe (1998), anschließend den Roman Aeterna (2000).
Dazwischen schreibt sie – als ihr letztes ganz
eigenes Werk – Bruder Hund. Eine Legende (1999).
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